Südkorea ist im Herbst im Kunstfieber: Nahezu gleichzeitig beginnen die Kunstmessen Frieze Seoul und KIAF, die Seoul Art Week mit Galerieneröffnungen, Busan Biennale und Gwangju Biennale mit Länderpavillons, wo heuer Birke Gorm für Österreich teilnimmt.

Birke Gorm, the evening and the morning and the night, Österreich-Pavillon der 16. Gwangju Biennale, 2026, Foto: © Euirock Lee
Überall Puppen. Die großen, mit Papier gefüllten Figuren aus Jutestoffen, die oft die mittleren auf ihren Armen tragen. Und die ganz kleinen, aus zusammengerollten Handtüchern, die sich dicht in alten Eimern drängeln oder entlang der Wände auf dem Boden aneinanderreihen. Sie werfen ihre Arme in die Luft.
Birke Gorm im Eunam Museum
Jubel? Oder Hilferufen? So recht kann man das nicht entscheiden. Denn hier herrscht eine merkwürdige Atmosphäre: Der mit Jutesäcke zeltförmig abgehängte Raum mit Stapeln alter Kartonagen, rostigen Nägeln, mit Papierschnipseln gefüllten Töpfen erinnert an einen alten Dachboden, bevölkert von Erinnerungen.

16th Gwangju Biennale, Gallery 2, Installation View, Photo: Jeon Byung Cheol © Gwangju Biennale Foundation
16. Gwangju Biennale
Es ist Birke Gorms Installation, die im Eunam Museum in Gwangju steht. Im Südwesten gut zwei Zugstunden von Südkoreas Hauptstadt Seoul entfernt, wird die Stadt bis beute mit der blutig niedergeschlagenen Demokratiebewegung von 1980 verbunden. In Gedenken an diesen Aufstand gegen die Militärdiktatur entstand 1995 die Gwangju Biennale, die bis heute wichtigste asiatische Schau internationaler Kunst.

16th Gwangju Biennale, Gallery 2, Installation View, Photo: Jeon Byung Cheol © Gwangju Biennale Foundation
Die heurige 16. Ausgabe steht unter dem Titel „You have to change your life“ – ein Zitat aus einem Gedicht des deutschen Dichters Rainer Maria Rilke. Der Parcours mit Werken von 43 Künstlern führt vom Blick auf „Moleküle und Ich“ über „Körper“, Landschaften, „Kosmos“ bis zu „Air and Articulation“, wo es mit einer riesigen pneumatischen Installation endet. Veränderung, so erklärt das Kuratorenteam um den Filmemacher Ho Tzu Nyen, sei ein kontinuierlicher Prozess, im Kleinen, im Alltag, im Politischen bis zum Kosmos.

16th Gwangju Biennale 2026, Gallery 2, Installation View, Photo: Jeon Byung Cheol © Gwangju Biennale Foundation
Kontroverse in Südkorea um Taiwan Pavillon
Eine ganz ungewollte Veränderung beschäftigte die Gwangju Biennale schon im Vorfeld, als der Taiwan Pavillon im Parallelprogramm der Biennale plötzlich in NTMoFA (National Taiwan Museum of Fine Arts) umbenannt wurde. Seit Jahrzehnten schreitet China massiv ein, wenn Taiwan auf internationalen Veranstaltungen als eigenständiger Staat auftritt. Nach Zensurvorwürfen und Protesten von Taiwan, aber auch des Kuratorenteams und der Künstler nahm die Foundation die Umbenennung zurück, was schlussendlich zur Absage des China Pavillons führte.
National Pavillons in Gwangju
Das Konzept dieser National Pavillons führte die Gwangju Biennale erstmals 2018 ein, damals mit nur drei Ländern. Damit sollten Institutionen in Südkorea stärker vernetzt und die Biennale in die Stadt hinein erweitert werden. Heuer gastieren stolze 27 Pavillons, darunter auch Institutionen, in Museen, Galerien bis Kulturzentren.

1. Denise Bertschi, Swiss Pavilion Gwangju Biennale 2026, STATE FICTION. In Front of Them All (2014/21) © Euirock Lee
Österreich findet sich zusammen mit der Schweiz im Eunam Museum. Im Eingangsraum greift Denise Bertschi den Fakt der seit 1953 an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea stationierten Schweizer Soldaten auf. Mit den Fotografien aus dem – in Bern gelagerten – Archiv hinterfrage es den Status der Neutralität, erklärt sie im Gespräch, und fordert im zweiten Teil vor allem die koreanischen Besucher auf, eigene Gedanken und Erinnerungen beizusteuern.

Birke Gorm, the evening and the morning and the night, Österreich-Pavillon der
16. Gwangju Biennale, 2026, Foto: © Euirock Lee
Einen Stock höher lenkt Gorm mit ihrem ´Dachboden´ den Blick auf die Frage, was erinnert, was vergessen wird – vor allem in Hinblick auf die Rolle der Frauen. Wer hat all das alte Zeug wofür benutzt, welche Geschichten sind enthalten?
Immer wieder geht es um Besitz, der Frauen lange nicht erlaubt war. So seien Instanzen wie die Ehe entstanden, erklärt Gorm. Und um Figuren, die etwas tragen. Sie verweisen auf „reproduzierende Körper“, so Gorm. All diese Behälter, Körper und Puppen erzählen von Arbeit, Fürsorge, Erschöpfung. Und Widerstand – ein Thema, dass sich in diesem koreanischen Kunstherbst wie ein roter Faden durchzieht.

Exhibition view of the Busan Biennale 2026 ©Busan Biennale Organizing Committee. All rights reserved
Busan Biennale
Denn auch die Busan Biennale spielt mit dem Titel „Dissident Chorus“ auf diesen Aspekt an. In der Hafenstadt im Süden der koreanischen Halbinsel 1981 von einer Künstlerinitiative gegründet und im Laufe der Jahre mit anderen lokalen Veranstaltungen fusioniert, liegt hier der Fokus stärker auf regionaler Kunst.

Exhibition view of the Busan Biennale 2026 ©Busan Biennale Organizing Committee. All rights reserved
46 Künstler und Kollektive werden mit ihren vielen unterschiedlichen Stimmen in einem ´ungehorsamen´, einem ´Chor ohne Dirigent´ vereint. Das reicht von Soundarbeiten bis zu dem dokumentarisch angelegten Teil im Erdgeschoß der aufgelassen Nam High School, wo die Zeit der japanischen Besatzung Koreas im Fokus steht.

Exhibition view of the Busan Biennale 2026 ©Busan Biennale Organizing Committee. All rights reserved
Während Gorm den Körper als Träger von Arbeit und Widerstand zeigt, die Gwangju Biennale auf Veränderung setzt, vereint Busan die vielen Stimmen zu einer Komposition aus Überlieferungen und Disharmonien.
veröffentlicht in: Die Presse, 7.9.2026
