
Ausstellungsansicht Terminal Piece, 20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027. Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez
Die neue MUMOK-Direktorin Fatima Hellberg eröffnet ihre erste Schau.
Museen sind Mausoleen. Hier wird Kunst eingefroren. Gesammelt, gelagert und manches nahezu nie, anderes ab und an gezeigt. Wie kann man diese Situation aufbrechen, wie Lebendigkeit in die Institution bringen? Das scheint die Ausgangsfrage der neuen MUMOK-Direktorin Fatima Hellberg gewesen zu sein – und ihre Antwort darauf ist durchaus spektakulär. „Terminal Piece“ nennt sie die große Schau mit rund 400, teils kaum bis nie gezeigten, nahezu über das ganze Haus verteilten Werken aus der Sammlung. ´Endstück´ oder ´finales Werk´ übersetzt – und das als Einstandsausstellung! Man ahnt es bereits: Hier werden Konventionen gebrochen.

Tolia Astakhishvili, Singing out of doors, 2026. Courtesy the artist, LC Queisser and Emalin. Foto: Tolia Astakhishvili Studio
Personale von Tolia Astakhishvili
So empfängt uns das MUMOK auch statt mit perfekten White Cube-Ausstellungsräumen mit verschachtelten Inszenierungen. Neben der Sammlungsschau findet im Untergeschoß dazu eine Personale der 1974 in Georgien geborenen Tolia Astakhishvili statt. Sie leitet uns zunächst durch einen roten Tunnel in eine raumfüllende Installation. Wie in der Institutional Critic der 1990er Jahre wird kaum zwischen Werk und Kontext, also der Haustechnik, Wänden und Rohren des Gebäudes unterschieden. In ihrer grau in grau gehaltenen Installation sind Baumaterialien, Kabel und Röhren gleichwertig neben Werken von Kolleg:innen präsentiert, es ist eine düstere, an Keller erinnernde Atmosphäre.

Tolia Astakhishvili, my emptiness, 2025–26. Baumaterial, ausgegrabene Rohre, Badewanne, Duschwanne, Spiegel, Licht. Courtesy the artist, LC Queisser and Emalin. Foto: Tolia Astakhishvili Studio
Das entkernte Badezimmer und die vielen, assoziativ kombinierten Teile erinnern eher an eine Baustelle als an ein Museum. Es gehe um Vorstellungen von Zuhause und Zugehörigkeit, um Gefühle von Verlust und das Bedürfnis nach Schutz, lesen wir im kostenlos ausliegenden Folder. Deutlich nachvollziehbarer ist die Anmerkungen, es sei eine Reflexion darüber, „was wir aufbahren, wegwerfen oder dem Verfall überlassen“ – eine spannende Frage in einem Museum!

Ausstellungsansicht Terminal Piece, 20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027. Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez
Terminal Piece, MUMOK, Eben O, eintrittsfrei
Noch weiter entfernt sich die zentrale, über fünf Stockwerke verteilte Schau „Terminal Piece“ von musealen Konventionen. Es beginnt auf Ebene O, die kostenfrei zu besuchen ist – der Andrang ist jedoch überschaubar. Auf dem ausliegenden Folder wird Anna Viebrock prominent in gleicher Schrift wie der Titel genannt – ist sie die Künstlerin, die wie Astakhishvili lauter Kollegenwerke in ihre Installation integriert? Nicht ganz.
Viebrock ist Bühnenbildnerin. Sie verwandelt hier das MUMOK in eine Bühne, die Ausstellungen werden zum Theater – in dem Viebrocks Objekte denselben Stellenwert erhalten wie die Werke aus der Sammlung von Arnulf Rainer, Gerhard Rühm oder Franz West.
Tabubruch, Theater oder Kuratoren-Avantgarde?
Solch eine unkommentierte Vermischung – Viebrocks Entwurfsmodellen mit Kunstwerken der Sammlung – ist eigentlich ein Tabubruch. Aber es passt aber in Hellbergs radikales Statement: Hier gelten nicht die Regeln des Kunstbetriebs, des Museums, sondern des Theaters: Auf der Ebene von Requisiten gibt es keine Unterscheidung zwischen high and low, zwischen Kunst und Arbeitsutensilien. So führt uns dieser „Prolog“ auf Ebene O durch bühnenhafte Räume vom „Arbeitszimmer“ über den „Keller“ bis zur „Kirche“, mit beliebig verteilten Werken gerne in Petersburger Hängung – darunter einige sehr schöne Wiederbegegnungen wie die Fotografien von Octavian Trautmannsdorff aus den späten 1980er Jahren.
Akte voller hochgesteckter Themen
Zwar verantwortet die Bühnenbildnerin nicht die folgenden vier Etagen, aber das Theaterhafte zieht sich durch: Jede Ebene wird als „Akt“ wie in einer Aufführung bezeichnet. Wie eine Antwort auf Astakhishvili wird bei den Wänden mit einem Rohzustand kokettiert, wahllos nutzlose Rohre hingestellt und viel Wandfläche leer gelassen. Ob dahinter die Hoffnung steht, dass die oft kleinformatigen, seriellen Werke besser wirken? Das jedenfalls wäre gescheitert.

Kate Millett, Ausstellungsansicht Terminal Piece. Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez
Jede Ebene folgt laut Folder hochgesteckten Themen wie das „Spannungsfeld des Blicks“ bei der titelgebenden Installation „Terminal Piece“ von Kate Millett – dem ersten Ankauf der neuen Direktorin; „Widersprüche zwischen politischen Idealen und gelebter Erfahrung“ in Akt 2; Akt 4 „erforscht den Apparat des Sehens“ – ob das mit Kunstwerken einlösbar ist? Wenn, dann eher für einen sehr kleinen Kreis von Besucher.innen.
Warum so viel Fautrier?
Ansonsten bietet sich ein neugieriges Schlendern an, vielleicht ein Extra-Blick auf jene Werke, die nicht aus der Sammlung kommen – sehr oft Serielles, oft leider wenig beeindruckend. Großartig dagegen Jean Fautriers Serie der „Geiselköpfe“ von 1943, mit denen er auf die Folter der deutschen Besatzung in Frankreich reagierte – aber warum braucht es derartig viele Bilder, die zwei Messekojen-artige Räume füllen?
Vieles erscheint in diesen „Akten“ überambitioniert, manches allzu manieriert wie die Gemäldewagen, mit denen eigentlich die Werke transportiert werden, die jetzt aber als Hängefläche im Raum herumstehen – den herrlichen Richard Tuttle darauf übersieht man fast. Und warum ist es eine durchwegs düstere Atmosphäre, die durch die Werkauswahl erzeugt wird? Erinnert das nicht doch wieder an den Vorwurf des Mausoleums? Von Konvention des White Cube jedenfalls, das ist Hellberg durchaus gelungen, hat sich das MUMOK mit diesen Ausstellungen weitmöglichst entfernt.
veröffentlicht in: www.viennaartweek.at , Juni 2026