
Chorus Markthalle, 1980. Copyright Karel Balas, aus: Tashkent: A Modernist Capital, Rizzoli New York. Courtesy ACDF
Usbekistans Aufbruch in die Moderne beginnt mit Architektur und setzt jetzt auf Kunst – mit einer Kunsthalle in Tashkent, einer Biennale in Buchara, dem Pavillon in Venedig. Aber zunächst führt der Weg in die Vergangenheit.
Der Raum wirkt wie ein Versteck. Dunkel, überfüllt bis unter die Decke. Keilrahmen lehnen an der Wand, Bilder stapeln sich unter der Zwischendecke und überall sind Bücher. Hier arbeitet Vyacheslav Akhunov, Jahrgang 1948.

Vyacheslav Akhunovs Atelier, 2026. Courtesy Uzbekistan Art and Culture Development Foundation (ACDF).
Als er in den 1980er Jahren hier einzog, war Usbekistan noch Teil der UDSSR. Atelier, dazu nebenan im Plattenbau noch ein Apartment, mietfrei – ein Privileg. Der Preis: linientreue Malerei im Stil des Sowjetischen Realismus. Akhunov lächelt, wenn er davon erzählt. „In Moskau wusste das niemand,“ sagt er, „aber eigentlich war ich immer Konzept Künstler“ – nicht nur der ersten Stunde, sondern in Usbekistan überhaupt der allererste, ergänzt Gayane Umerova. „Mit Akhunov beginnt die zeitgenössische Kunst in Usbekistan“.
Umerova leitet seit 2017 die staatliche Art and Culture Development Foundation (ACDF). 2017 ist kein zufälliges Datum. Es ist ein Schlüsseljahr für das zentralasiatische Land, das nach der Unabhängigkeit 1991 lange von dem Diktator Islam Karimov regiert wurde. 2016 kam Shavkat Mirziyoyev an die Macht und öffnete das zuvor stark abgeschottete Land. Er schaffte das Exit-Visum ab, reformierte die Verwaltung und lockerte die staatlichen Kontrollen – auch in der Kulturpolitik. Lag zuvor der Fokus auf ´positiver´ nationaler Geschichte, weht jetzt unter dem Slogan „Brücke zwischen Tradition und Moderne“ ein frischer Wind durch das Land.
38 Millionen Einwohner leben heute in Usbekistan, fast die Hälfte ist unter 25. Für sie sollen Jobs in der Kreativindustrie entstehen. Aber Kultur dient auch als Soft Power, um dem Land ein neues Image zu verschaffen und es als Player auf die globale Kunstweltkarte zu heben.
Usbekistan: Blick zurück nach vorn

Republican Art College, 1980er. Copyright Karel Balas, aus: Tashkent: A Modernist Capital, Rizzoli New York. Courtesy ACDF
Der Einstieg dazu führt in die Vergangenheit. Handwerk, Ornament, Material. Und Architektur: die „Taschkent Moderne“. Nach dem verheerenden Erdbeben 1966 beschloss die russische Zentralregierung, Taschkent als „Schaufenster des sowjetischen Orients“ neu aufzubauen. Moderne, aber mit weißen Beton-Arabesken und blauen Keramikummantelungen. So wurden die Fassaden zu Boten einer neuen Zeit. Später verschwand vieles hinter Reklameflächen. Die sind mittlerweile verboten. Ikonische Bauten wie der „Palast der Völkerverständigung“ oder das ehemalige Stalin-Museum werden renoviert, gleichzeitig sind neue Museen geplant, das von Tadeo Ando entworfene Universalmuseum und das CCA (Center for Contemporary Art) in Taschkent.
Eigentlich hätte es schon im März eröffnen sollen, aber das wäre „in Zeiten des Irankriegs unpassend“, so die im Iran geborene künstlerische Leiterin Sara Reza. Architekt Olivier Marty vom französischen Studio KO, der die 1912 gebaute, ehemalige Remise umbaut, verrät im Gespräch, dass auch noch einige Details fertiggestellt werden müssen, bevor das Ausstellungs- und Residency-Programm im September startet.

Marina Perez Simão in Kollaboration mit Bakhtiyar Babamuradov, 2024–2025. Foto Felix Odell. Courtesy ACDF, Bukhara Biennale 2025
Premiere der Bukhara Biennale
Das eigentliche Herzstück der neuen usbekischen Kulturpolitik liegt jedoch weiter westlich, im ehemaligen Oasenstaat Bukhara: Im November 2025 eröffnete erstmals die Bukhara Biennale, die weit mehr ist als eine Ausstellung. Es ist ein Türöffner, um der Bevölkerung die zeitgenössische Kunst nahezubringen. Und eine Schule, wo eine neue Generation von Kuratoren ausgebildet wird – einige durften sogar den Usbekistan Pavillon auf der 61. Biennale Venedig kuratieren. Aber davon später.
Die Bukhara Biennale ist zugleich ein Manifest. „Uns geht es nicht darum, mit den Kulturprojekten eine usbekische Nationalität zu betonen“, sagt Umerova, „sondern traditionelles Kunsthandwerk zu erhalten und mit zeitgenössischer Kunst zu verbinden“. 70 Werke, verteilt über die restaurierte Altstadt, entstanden in enger Kooperation mit nationalen Kunsthandwerkern aus Keramik, Textil, Teppichen – Handwerk wird neu entdeckt. In einer Karawanserei, diesen frühen Herbergen entlang der Handelsrouten mit den vielen kleinen Kammern rund um einen offenen Innenhof, zeigte der ägyptische Superstar Wael Shawky in der Sonne leuchtende, mit filigranen Bildmotiven behauene Messingreliefs. „Meine Arbeit erforscht die Nostalgie islamischer Erinnerungen“, erklärte er. Die Motive würden der Miniaturmalerei entstammen, das Material erinnere an das für diese persische Kunst typische Blattgold. Marina Perez Simao verwandelte den gesamten Innenhof in ein farbiges Keramikmusterfeld.
Umerova: „Wir sind vorsichtig“
„Wir wollen eine internationale Kulturdiplomatie und im Land neue Infrastruktur aufbauen“, fasst Umerova die Strategie zusammen. „Aber wir sind vorsichtig. Wir wollen nicht zu viel unterstützen, sondern inspirieren, um eine unabhängige Kunstszene entstehen zu lassen.“ Dazu allerdings fehlt es noch an Wesentlichem. Sammler? Kaum. Ein Kunstmarkt? Eher nicht. Auf die Frage, wo der Konzeptkünstler Akhunov denn verkauft habe, antwortet er knapp: „Gar nicht!“
In der Sowjetzeit kaufte nur der Staat – und dem bot er seine Werke erst gar nicht an. „Meine Kunst war verboten.“ Zu subversiv: Aus dem dicken, staatlich herausgegeben Katalog „Sowjetische Kunst“ entfernte er alle Seiten und füllte das Buch neu mit seinen Collagen. Seite um Seite Silhouetten von Lenin, ausfüllt mit Zeitungsausschnitten und Bildmotiven von nackten Frauen bis zu kunsthistorischen Bilddetails. Auch seine Leinwände sind streng konzeptuell, eine beschrieb er dicht mit den Worten „atme langsam und leise“. Die Worte beziehen sich auf Mantras, auf die Macht der endlosen Wiederholungen. Er habe damals leise und unsichtbar existieren müssen, erklärt er.
Heute hat sich die politische Lage für Künstler klar verbessert. Verboten ist nichts mehr, weder Tapisserien noch „Muslim Magic“, wie Akhunov die auf schamanischen Traditionen basierenden Praktiken nennt. Aber Freiheit schafft noch keine Infrastruktur. Zwar gibt es erste Galerien, Regeneration Art und Bon Factum in Tashkent, Art Station in Samarkand. „Kunst ist noch nicht Teil der Gesellschaft“, erklärt Zi Kakhramonova.
Usbekistan Pavillon 61. Venedig Biennale: Aralsee
Sie gehört zu den sieben Künstlern, die den Usbekistan Pavillon der 61. Biennale Venedig bespielen. Hier dreht sich alles um den Aralsee. Einst der viertgrößte Binnensee der Welt, ist hier heute Wüste. „Willkommen im Zentrum des Umweltdesasters“, fasst es unser Führer Jussuf zusammen: 1985 sei in Moynak, einer einst blühenden Hafenstadt der autonomen, aber stark in Usbekistan integrierten Republik Karakalpakstan, die Wassergrenze 5 Kilometer zurückgegangen, erzählt er.
Das war kein Zufall. Denn das Ende des Sees wurde in den 1960er Jahren bewusst von der Sowjetunion durch Umlenkung der Zulieferflüsse ausgelöst, um Felder zu bewässern und auf der Seefläche neue Anbauflächen für Baumwolle zu schaffen – ein fataler Plan. Heute sind 90 Prozent des in Usbekistan gelegenen Sees Steppe. Nur 12.000 Einwohner leben hier noch, der Flughafen ist nahezu nie in Betrieb, der hohe Zaun wurde von den starken Winden umgerissen und nie repariert. Unermüdlich treiben diese Winde die im ausgetrockneten See abgelagerten Schadstoff, Salz- und Sandpartikel auf die Felder. Zweimal jährlich müssen die mit Wasser geflutet werden, um überhaupt bestellt werden zu können. Am ehemaligen Ufer verrotten einige verrostete Schiffe in der Steppe. Zwei damals brandneue wurden 2010 anlässlich des Besuchs des UN-Generalsekretärs auf dem Sand platziert, um die Situation drastisch zu zeigen. Später kamen weitere hinzu, die wie in einem Hafen als Skelette zwischen den systematisch angepflanzten Saxaul-Büschen liegen. Diese Pflanzen sind extrem salz- und trockenheitsresistent und sollen die Aralkum-Wüste stabilisieren.
Um diesen See dreht sich alles in diesjährigen Beitrag Usbekistans auf der 61. Biennale Venedig. Zu den Teilnehmern gehört auch die erst 21jährige Aigul Sarsen. Sie lebt in Nukus, der rund drei Autostunden von dem Aralsee entfernten Hauptstadt von Karkalpakstan. Ihr Atelier hat sie in einem leerstehenden Haus, zusammen mit „mehr als zehn anderen Künstlern“, sagt sie – die genaue Zahl weiss sie nicht. „Wir treffen uns kaum, jeder arbeitet für sich“. Für Venedig hatte sie nur wenige Monate Zeit, ihre Skizzen und expressiven Bilder sieht sie als Zeichen der „Hoffnung, dass der See zurückkommt“. Den See, den sie nie erlebte, imaginiert sie als Göttin, als weibliches Hybridwesen.
In Nukus steht auch das faszinierende, 1966 gegründete Savitsky Museum, benannt nach dem Sammler Igor Savitsky, der über 100.000 Werke vor allem aus den 1920er Jahren sammelte. Es wird auch das „Museum der verbotenen Kunst“ genannt, denn Werke von Aleksandr Sardan, Sergey Shigolev oder Vasiliy Lilsenko waren damals verboten. Sie werden hier unter dem Begriff „Avanguardia Orientalis“ zusammengefasst. Diese Bilder leben nicht vom Exotischen, sondern sind in der Region verwurzelt – die Wüste, die in wahren Farbfeuern dargestellten Karawanenrouten und Oasen. Im Museumsshop werden vergilbte Poster angeboten. In unserem Hotel in Nukus stehen sogar Acrylbilder zum Verkauf, ohne Namensnennung, aneinander lehnend, pro Bild 600.000 SUM. Das sind rund 43,- Euro.
Globale Markt dank Biennale Venedig

(hinten) A.A.Murakami, The Sun Sets in a Shell, 2026. Produced with the support of Mandarin Knitting Technology and Zegna Baruffa Lane Borgosesia. (vorne) Zi Kakhramonova’s Archive of Lost Forms (2026), Installationsansicht The Aural Sea, Uzbekistan National Pavilion, 61. Biennale Venedig 2026.
Usbekistan steht noch am Anfang des Weges zu einer funktionierenden Kunstszene. Aber vor allem durch die Biennale Venedig ist der globale Markt bereits erreicht. Einige Künstler der letzten Biennale Venedig haben bereits weltweite Ausstellungen wie Saodat Ismailova im Swiss Institute New York. Darauf hofft auch Akhunov, der im Parallelprogramm der Biennale Venedig prominent präsent ist.

Vycheslav Akhunov, Triumphal Arch, 1979/2026, Installationsansicht „Instrument of Minds“, Palazzo Franchetti, Venedig 2026. Foto: Gerdastudio
Zwar nahm er zwar schon 2012 an der documenta teil, wo „1 m2“ ausgestellt war: 400 leere Streichholzschachteln, die Innenseiten bemalt, beklebt, beschrieben – eine Mikro-Ausstellung, die jederzeit wieder verborgen werden kann. Aber erst jetzt kann er mit der großen Retrospektive in dem prächtigen Palazzo Franchetti sein ganzes Werk zeigen. Gleich im Eingang müssen wir durch den vier Meter hohen „Triumphal Arch“ (1979/2026) mit 365 Metallscheren in den Wänden gehen – die Schere als Symbol für Zensur und staatliche Kontrolle.
In den „Mantras of the USSR“ zerlegt er die ideologische Sprache der UDSSR. In „Instrument of Minds“, so der Titel, gehe es nicht um Vergangenheit, sagt er. Sondern darum, „wie Gedanken überleben“. Seine Gedanken inspirieren jetzt eine neue, junge Generation, für die Konzept Kunst selbstverständlich ist wie Zi Kakhramonova. Sie will den verlorenen Aralsee nicht als Katastrophe zeigen, betont sie. Ihr „Archive of Lost Forms“ steht mitten im Raum, gefüllt mit Salz, aus dem wie aus einer anderen Zeit Keramik-Kreaturen auftauchen. Den Verlust der Biodiversität des Aralsees kontert sie mit imaginierten Formen. Usbekistan, das wird in den Projekten deutlich, entdeckt Kunst nicht nur als kulturelles Erbe, sondern als Möglichkeit für Zukunft.
veröffentlicht in: NZZ, 15.6.2026 Art Basel Supplement



