
Chorus Markthalle, 1980. Copyright Karel Balas, aus: Tashkent: A Modernist Capital, Rizzoli New York. Courtesy ACDF
Usbekistan fand sich bisher kaum auf der Landkarte der Kunstwelt – was sich mit der grandiosen 1. Bukhara Biennale jetzt ändert. Zumal das zentralasiatische Land noch mehr zu bieten hat, die Tashkent Moderne etwa.
Auf kaum etwas sind die Usbeken so stolz wie auf ihre Keramikkunst. Sogar während der russischen Besatzung bis zur Unabhängigkeit 1991 fanden sie Wege, diese bunte Welt islamisch inspirierter Muster lebendig zu halten. Besonders in der Hauptstadt Tashkent wurde diese Kunst in einzigartiger Weise mit dem strengen Stil der Moderne verbunden: Nach dem verheerenden Erdbeben 1966 hatte die Moskauer Zentralregierung beschlossen, Tashkent als „Schaufenster des sowjetischen Orients“ neu aufzubauen.

Innenraum Palast der Völkerfreundschaft/Kongresshalle, 1981. Copyright Karel Balas, aus: Tashkent: A Modernist Capital, Rizzoli New York. Courtesy ACDF
So entstanden in dieser damals viertgrößten Stadt der UDSSR neben den Wohnhäusern zahlreiche Monumentalbauten wie der „Palast der Völkerfreundschaft“ mit strahlend-blauer Keramikummantelung und traubenförmigen weißen Kronleuchtern im Innenraum. Das ehemalige Stalin Museum, heutige Geschichtsmuseum ist rundum verziert mit riesigen, weißen Arabesken und die Mosaik-Fassade des TV-Senders wirkt wie ein gigantisches Werk von Sol LeWitt. Bis heute sieht man überall auf den Fassaden der eng beisammen stehenden Apartmentburgen, über den Eingängen von Hotels und auf den Balkongittern der Plattenbauten verspielte Keramik- und Metall-Applikationen.
Tashkent Moderne

Republican Art College, 1980er. Copyright Karel Balas, aus: Tashkent: A Modernist Capital, Rizzoli New York. Courtesy ACDF
Sollte so die traditionellen Handwerkskunst sozialistisch umgewertet werden, steht die sowjetische Moderne in Usbekistan heute als Symbol einer Neupositionierung. Als „Tashkent Moderne“ ist es jetzt wesentlicher Teil der politischen Strategie des seit 2016 autoritär herrschenden Präsidenten Shavkat Mirziyoyev, der erst seit kurzem auf internationalen Druck hin die Zwangsverpflichtung für staatliche Bedienstete bei der Baumwollernte abschaffte.
Usbekistan als Herz der Seidenstraße
Die Tashkent Moderne ist Teil seines ambitionierten Programm, mit dem er Usbekistan als Kulturnation unter dem Motto „Brücke zwischen Tradition und Moderne“ neu erfindet. Denn es gibt zwar das Wort ´Usbeke´ schon seit Jahrhunderten, aber es bezog sich nicht auf eine Sprache oder gar Kultur, sondern auf einen Stamm. Mit den ehemaligen Oasenstaaten, heute als Tourismuszentren positionierten Städten wie Samarkand, Bukhara oder Chiwa wird Usbekistan als „Herz der Seidenstraße“ vermarktet, als „spirituelles Zentrum des Islam“ und als aktiver Teil der turkischen Welt. Das Ziel ist, durch diese kulturellen Narrative sowohl regionale Führungsansprüche zu legitimieren als auch internationale Anerkennung und nicht zuletzt Investoren zu gewinnen. So gehören schon heute Japan, Korea und vor allem Saudi-Arabien zu den Pionieren in Usbekistan, das als „geopolitisch stabil“ gilt, wie JP Morgan betont.
Von der Tashkent Moderne zur Kulturnation
Zentral für diese Strategie ist die Uzbekistan Art and Culture Development Foundation, kurz ACDF. Diese staatliche Agentur unter der Leitung von Gayane Umerova organisiert und finanziert Projekte, die sich mit dem kulturellen Erbe Usbekistans beschäftigen: „Es gibt keine usbekische Identität“, betont Umerova, „darum geht es auch nicht, sondern um Kunsthandwerk.“

National Museum of Uzbekistan, Render by Tadao Ando Architect & Associates, Courtesy of Uzbekistan Art and Culture Development Foundation
Zu ihren Projekten gehört das von Tadao Ando entworfene State Museum of Arts, das 2026 eröffnen soll, und das Center for Contemporary Art (CCA) in den hohen Hallen der 1912 erbauten, ehemaligen Remise in Tashkent. Wenn es im März 2026 eröffnet, werde das Programm hier nicht nur Ausstellungen umfassen, sondern in der „Tradition der visuellen Kunst“ stehen, wie die künstlerische Direktorin Sara Reza im Gespräch erklärt. Von Lesungen bis Filmfestivals, Workshops und sogar eine Art Akademie seien vorgesehen – wichtig sei der „kreative Austausch“.
Unter diesem Motto steht auch das einige Kilometer entfernte Residencies-Areal in den aufwendig umgebauten, ehemaligen ´mahallas´, also alten Vierteln, die traditionelle Strukturen und Architektur besitzen. Gerade verbrachte der marokkanische Modedesigner Mohamed Benchellal hier zwei Monate und entwickelte seine spannungsgeladenen Kleider-Skulpturen, die in einer höchst eigenständigen Formensprache wie eine zeitgenössische Antwort auf die Tashkent Moderne wirken.
1.Bukhara Biennale
Vor allem aber gehört zu den ACDF-Projekten die Bukhara Biennale, die Anfang September bis Ende November unter dem Titel „Rezepte für Gebrochene Herzen“ eine grandiose Premiere mit über 200 internationalen Gästen und unter reger Anteilnahme der lokalen Bevölkerung feierte. Auch hier steht unter Kuratorin Diana Campbell, die vor allem bekannt ist für das Art Summit Festival in Dakar, Bangladesh, der Austausch zwischen Tradition und Heute im Mittelpunkt, verfeinert um den Aspekt des Heilens. „Der Titel stammt von dem Nationalgericht Plov“, erklärt sie. Ein Mythos besage, der aus Bukhara stammende, legendäre Vater der modernen Medizin Ibn Sina, besser bekannt als Avicenna (geboren um 980), habe damit das gebrochene Herz eines Prinzen kuriert. Und fügt hinzu: „Rezepte können auch Zeit-Brücken sein.“

(links) Nomin Zezegmaa, Ongod, in Kollaboration mit Margilan Crafts Development Centre (Odiljon Okhunov, Javlonbek Mukhtorov), 2025; rechts Pakui Hardware, Black Pile, in Kollaboration mit Alisher und Shokhrukh Rakhimov, 2025. Foto Felix Odell. Courtesy ACDF
Kunst trifft Kunsthandwerk
Die 70 über die behutsam restaurierte, historische Altstadt verteilten Werke entstanden in enger Kooperation mit lokalen Kunsthandwerkern. In einer der Karawansereien, also den früheren Herbergen entlang der Handelsrouten mit vielen kleinen Kammern rund um einen Innenhof, stehen riesige, dunkle, an Ohren erinnernde Formen aus Keramik. Es sei die menschliche Leber, „gefüllt mit Dunkelheit“, in die wir unsere Sorgen sprechen sollen, erklärt uns der Führer. In der zweiten Leber verwandelt sich das Düstere in eine beruhigende Melodie. Für „Black Bile“ arbeitete das lithauische Duo Pakui Hardware zusammen mit Meister Aisher Rakhimov.
Sein Atelier ist in Tashkent in einem der wenigen historischen Vor-Moderne-Häuser: Von der Straße aus eine einfache Fassade, verstecken sich dahinter mehrere Gebäude mit einem großem Innenhof voller Feigen- und Maulbeerbäumen. In den Ateliers wird schon in der dritten Generation Keramikkunst mit immer neuen Variationen von Kranichen, Blättern oder Arabesken entwickelt. Rund einhundert kleine Schalen hängen an der Wand. Es sind Prototypen der Gestaltungsideen. Stolz zeigt uns der Meister seinen erst kürzlich offiziell anerkannten „Sunny Style“, Teller und Gefäße voller fröhlicher floraler Formen auf knallgelbem Untergrund. Wie anders dagegen die Objekte, die er für die Künstler schuf – es habe Monate gedauert, bis er überhaupt verstand, was von ihm erwartetet wurde, erzählt der Meister.

Marina Perez Simão in Kollaboration mit Bakhtiyar Babamuradov, 2024–2025. Foto Felix Odell. Courtesy ACDF
Die meisten Biennale-Künstler*innen legen ihre Beiträge weitaus traditioneller an wie Marina Perez Simao (Brasilien): Der gesamte Innenhof der Karawanserei ist bedeckt mit einem farbenfrohen Muster aus Keramikplatten. Wael Shawky (Ägypten) arbeitete mit Kupferhauern zusammen. Über dem Tor hängt eine große, mit Bildmotiven behauene Kupferplatte, daneben ist der Boden mit golden glänzenden platten bedeckt, aus denen eine tote Palme ragt: „Meine Arbeit erforscht die Nostalgie islamischer Erinnerungen in Bukhara, indem ich miniaturartige Formen (ohne menschliche Figuren) aus gehämmertem Messing schaffe. Anschließend vollende ich das Werk im Freien, wo Ruinen und Architektur Teil der „leeren“ Miniatur selbst werden. Das Messing stellt das traditionell in der Miniaturmalerei verwendete Blattgold dar und kann auch als Metapher für Himmel oder Wasser interpretiert werden. Die Präsenz der toten Palme symbolisiert den arabischen Einfluss – etwas, das ebenfalls in Erinnerung bleibt“, erklärt Shawky auf Nachfrage dazu.
In der aus dem 16. Jahrhundert stammenden, teils noch in Ruinen liegenden Khoja Kalon Moschee fasziniert Antony Gormley „Close“: Die Mengen von großen, eigens für die Biennale produzierten Lehm-Bausteinen liegen aufeinander geschichtet in dem offenen Innenhof. Die Biennale ist von 10 bis 22 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet, vor allem in der Nacht erinnert „Close“ an einen Friedhof. Er dagegen vergleicht die Formen mit Bild-Pixeln: „I am making a field or labyrinth of bodies that might help us feel something of the way that the build world continues to make us”, wie es im Ausstellungsführer heißt. Und wünscht sich in einer Gesprächsrunde, dass die Ziegeln anschließend zum Bau einer Kunstschule verwendet werden.
Andere Künstler*innen kooperierten mit Textilhandwerker*innen, wenn Kamruzzaman Shadhin die von Suffi-Legenden aus seiner Heimat Bangladesh inspirierten, riesigen Puppen auf Umzügen durch die Stadt tragen lässt. Auf dem zentralen Platz rund um das älteste, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gebäude steht Subodh Guptas Pavillon. Die Fassade ist aus Töpfen und Tellern mit lokalen Mustern gebaut. Während der Eröffnungstage kochte Gupta selbst inmitten der Bar mit rundem Tresen indische Gerichte.

Subodh Gupta, Salt Carried by the Wind, in Kollaboration mit Geschirr von Baxtiyor Nazirov. Foto Felix Odell. Courtesy ACDF
Denn der kulturelle Austausch reicht vom Handwerk bis zu wechselnden kulinarischen Angeboten nach Rezepten internationaler Chefköche – auch das gehört zum ´Heilen´. Viele Künstler*innen stammen aus Usbekistan wie Daria Kim, die zur großen koranischen Diaspora gehört. Sie benutzt in ihrer Skulptur Reis statt Lehm als Sinnbild für Migration. Oyjon Khayrulaeva thematisiert die enge Verbindung zwischen physischer und mentaler Gesundheit in ihren übergroßen Mosaiken eines Herzens, die in sechs Orten integriert sind.
Kultur als Soft Power
„Kultur soll nicht elitär sein“, erklärt Campbell bei ihrer Führung durch die Biennale, die Kunst werde hier zum Teil des täglichen Lebens. Darum werden auch alle Kunsthandwerker im Führer mitgenannt. Die Biennale versteht sie als Statement gegen die „Übermusealisierung“, hier komme die Kunst zum Menschen und scheue weder Staub noch die gleißende Sonne. Im politischen Sinn dagegen dient die Biennale als Soft Power, um Allianzen zu gründen, zu Qatar, die Restaurierungen finanzieren oder zu Saudi-Arabien.

AlMusalla auf der 1. Bukhara Biennial, 2025. Design von EAST Architecture mit AKT II und Rayyane Tabet. Foto Sara Saad, Courtesy Diriyah Biennale Foundation
Das staatlich kontrollierte saudische Unternehmen ACWA sponserte das Collateralevent AlMusalla: Für die 2. Islamic Arts Biennale 2025 in Jeddah in einem offenen Wettbewerb entstanden, ist diese vollständig aus Palmenresten gebaute, provisorische Reise-Moschee jetzt während der Biennale auf dem Platz vor dem historischen Fort platziert. Zudem dienen die ACDF-Projekte zum Aufbau des Tourismus und nicht zuletzt zielt es auf die eigene Bevölkerung: Noch gibt es keine Mittelklasse in Usbekistan, was sich bald ändern soll. 38 Millionen Einwohner leben in Usbekistans, fast die Hälfte ist unter 25 Jahren. Für sie sollen Jobs in der Kreativindustrie und Kultur entstehen.
veröffentlicht in: Kunstforum International, Bd. 306, 2025.



