Artissima in Turin gilt als Entdeckermesse, was zur 33. Artissima wieder bestätigt wurde – ein Rundgang.
Die angedrohten Streiks des Zug- und Flughafenverkehrs sind verschoben, das Wetter herrlich herbstlich und die Stimmung zur Eröffnung der 33. Artissima in der tageslichtdurchfluteten Messehalle unter den 183 Galerien entspannt. Anders als zuletzt in London und Paris dominieren hier in Turin nicht die Millionenwerke das Angebot.
33. Artissima mit Kunst südlich der 100.000-Euro-Grenze
Vieles liegt unter 70.000,- Euro, was die Schwelle für Kunstinteressierte deutlich senkt. Und die Chance auf Verkäufe der Galerien im mittleren Segment erhöht – was sogar für historische Schätze wie den Posthum-Guss der 1970 entstandenen Skulptur „Troubadour“ des berühmten italienischen Surrealisten Giorgio de Chirico gilt – eine Figur, die seinen berühmten Bildern entsprungen sein könnte.
… und fröhlichen Tier- und Blumenbildern, aber auch Politisches
Zwar befriedigen hier wie schon bei der Art Basel Paris viele Blumen- und Tiermotive, Tapisserien und sogar Wandteller die Freude am unbekümmert Dekorativen. Aber in Turin finden sich darunter auch hochpolitische Werke wie Goshka Macugas Diagramm auf einem Wandteppich von 1919/1933, 2019: drei Städte, 26 Beschreibungen zur Haltung der Bevölkerung, von anti-bourgeois (in Weimar) über Bolschewiken (in Dessau) zu Utopisten, politisch, revolutionär in allen drei Städten – das wünscht man sich heute mehr denn je.

GEORGINA STARR, STATIC STEPS, 1992–2026. Single screen video installation with audio narration, drawings, artist’s book and vinyl floor tape
Dimensions Variablex cm. Courtesy The Artist and Alma Pearl, London. Photo: Reliant Imaging
33. Artissima: Sektion Designi …
Zu den spannendsten Sektionen gehört alljährlich „Desegni“, wo das Medium Papier immer neu ausgereizt wird. Hier präsentiert Georgina Starr ihre sechs wandfüllenden Zeichnungen von Tanzschritten, die am Stand der Londoner Galerie Alma Pearl in einer intensiven Performance von zwei Tänzern kongenial in sechs Akten interpretiert wurden.
… und Back to the Future
Immer neue Wiederentdeckungen bietet auch die Sektion „Back to the Future“, wo die Wiener Galerie Lombardi-Kargl die radikalen „Fotoperformances“ der brasilianischen Avantgardistin Lenora De Barros aus den 1970ern zeigt. In einer Fotostrecke bearbeitet De Barros eine Schreibmaschine mit ihrer Zunge. Das Mundwerkzeug wird disfunktional, das Sprechen verstummt. Auch hier: 60.000,- Euro. Mit 20.000 Euro günstig sind dagegen die großartigen, in der auf Wachs basierenden Enkaustik-Technik gemalten Bilder der 97jährigen Italienerin Mariuccia Secol, in denen sie ihre Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs in Kompositionen aus fragmentierten Körpermotiven verarbeitet. Ihr Werk wird gerade nicht zuletzt dank der großen Personale im Schweizer Privatmuseum in Susch gefeiert.
Luigi Fassi: die „DNA“ der Artissima
Dieses Finden von wenig Bekanntem beschreibt Artissima-Direktor Luigi Fassi als „DNA der Messe“. Darum ist ihm auch die Sektion der 17 erstmals teilnehmenden, jungen Galerien wichtig, darunter Brugger – eine erst im März gegründete Galerie aus Klaus in Vorarlberg.

MELANIE EBENHOCH. oil on resin, Courtesy MELANIE EBENHOCH & GALERIE BRUGGER. Photo: Manuel Carreon Lopez
Sie bringen die erfreulich eigenständigen Bilder von Melanie Ebenhoch ab 5.500 Euro mit, in denen die in Wien lebende Künstlerin dreidimensionale Objekte mit hyperrealistischer Malerei verbindet. Erstmals sind auch einige Galerien aus Asien dabei.
Erstmals Galerien aus Asien
Für sie sei Artissima „die Tür für Europa“, so Fassi. „Europa wird attackiert, auch die Messen müssen da unterstützend wirken, die Visionen Europas zeigen, die Vorstellungen zusammenbringen.“ Darauf zielt auch sein Titel „Fancy – a flexible, acrobatic body“, den er für die heurige Messe wählte. Entlehnt von der US-Philosophin Martha C. Nussbaum, bezeichnet ´fancy´ die imaginative Fähigkeit, die Welt nicht ausschließlich aus der eigenen Perspektive zu betrachten, sondern eine metaphorische Vorstellungskraft zu entwickelt, die zu anderen Urteilen und Entscheidungen führen kann.
Artissima als Akteur und Vermittlungsinstanz
Denn eine Kunstmesse, da ist sich Fassi sicher, soll nicht nur den Kunstmarkt abbilden. Er sieht die Messe als Akteur, wie er im Gespräch ausführt, als Vermittlungsinstanz zwischen Galerien, Museen, Kuratoren, Käufern bis zur Wirtschaft. Die Messe könne ein Ort sein, an dem nicht nur Kunst gehandelt wird, sondern auch über die Zukunft kultureller Institutionen nachgedacht und Unterstützung geboten werde – etwa mit den 14 Preisen und Ankaufsfonds wie jener der gemeinnützigen Kunststiftung Fondazione Arte CRT. 300.000 Euro stehen für Ankäufe auf der Artissima zur Verfügung, gewidmet für Sammlungserweiterungen des Castello di Rivoli und GAM Torino.
veröffentlicht in: Die Presse, 1.11.2026
33. Artissima, Turin, 29.10.-1.11.2026
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Ankäufe Fondazione Arte CRT 2026: 15 Werke von 11 Künstler:innen:
Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea:
Michel Auder | Galleria Fonti, Napoli Juliana Frontin | Yehudi Hollander-Pappi, São Paulo Renata Lucas | A Gentil Carioca, Rio de Janeiro Hu Yun | A+ Works of Art, Kuala Lumpur Akram Zaatari | Thomas Dane Gallery, London and Napoli
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