Die Stadtansichten der beiden Venezianer Canaletto und Bellotto gehören zu den wichtigsten Veduten des 18. Jahrhunderts – und sind jetzt im KHM in Wien zu bewundern.
Einst eine starke Seemacht, wird Venedig im 18. Jahrhundert zur Bühne ihrer eigenen Vergangenheit. Das zieht eine reisefreudige, europäische Elite an. Vor allem britische Aristokraten suchen auf ihrer Grand Tour genannten Bildungsreise das alte Europa, suchen Idealschönheit und Idylle. Dank ihrer Liebe für Souvenirs entsteht in der Lagunenstadt ein einzigartiger Kunstmarkt.

Canaletto, um 1730, Riva degli Schiavoni in Venedig. KHM Wien, Gemäldegalerie. Courtesy KHM-Museumsverband
Wie kaum ein anderer bedient hier der Venezianer Giovanni Antonio Canaletto die Kauflust der Touristen. Auf seinen Bildern flanieren wohlgekleidete Advokaten, Priester und Kaufleute vor strahlend blauem Himmel mit dekorativen Wölkchen durch pittoreske Szenen. Davor schaukeln auf dem Meer die Boote. Hier ist die Welt in schönster Ordnung.
Veduten werden diese urbanen Szenen genannt. Canaletto und aufgrund der hohen Nachfrage bald auch sein Schüler, zugleich Neffe Bernardo Bellotto produzierten Hunderte davon. 13 Werke von Bellotto gehören zur Sammlung des Kunsthistorischen Museums (KHM), das jetzt eine grandiose Schau mit 32 herausragenden Gemälden der beiden Maler zeigt.
Realitätsnah & idyllisch
Präzise Perspektive, sorgfältige Details, optische Genauigkeit und strahlende Farben kennzeichnen diese Bilder. Dank theatralisch platzierten Reflexionen auf Wasser, Schatten und Sonnenlichteffekten gibt Canaletto seinen Bildern eine magische Tiefe und Lebendigkeit.
Bald kommen Veduten von London, Wien und Leipzig hinzu. Denn durch den Beginn des österreichischen Erbfolgekriegs 1740 endet die Reiselust der Touristen und Canaletto beschließt 1746, zu seiner Kundschaft zu reisen.
Neun Jahre bleibt er in London und passt seine Veduten diesem Zentrum von Handel und Finanzmarkt an. Er malt Architekturen, Parks und Zeremonien als Symbol nationaler Identität, zeigt die vergoldete Brücke des Bürgermeisters, die Themse als geschäftigen Fluss, bevölkert die Straßen mit mondänen Menschen in einem vergnüglichen Stadtleben.
Wie schon in Venedig blendet er auch hier jegliche sozialen Spannungen oder Armut komplett aus. Lange allerdings hält sein Geschäftsmodell nicht, nach finanziellen Schwierigkeiten kehrt er 1755 nach Venedig zurück und stirbt 1768 verarmt.
Bellotto in Dresden und Wien
Anders sein Neffe. Auch er verlässt Venedig, verlässt sich aber nicht auf Auftraggeber, sondern zieht 1747 nach Dresden und wird Hofmaler. Für die königliche Sammlung des Kurfürsten von Sachsen malt er Großformatiges, für private Kunden fertigt er kleinere Versionen an.
Als preußische Truppen 1756 in Dresden einmarschieren, zieht er weiter nach Wien. Diese Schaffensperiode ist ein zentraler und hochspannender Schwerpunkt der Ausstellung. Zwei Jahre bleibt Bellotoo an der Donau, malt Paläste und Plätze. Wie sein Onkel unterzeichnet er oft mit ´Canaletto´.
Eigener Stil
Sein Stil allerdings unterscheidet sich zunehmend. Mithilfe von Licht und Schatten rückt er soziale Unterschiede in den Blick: Adelige spazieren in der Sonne, Arbeiter stehen im Dunklen. In seiner Ansicht des heute Neuen Markt genannten, damals „Mehlmarkt“ krümmt sich ein Arbeiter unter der Last eines Mehlsacks. Auf der Ansicht des Palais Lobkowitz liegt der Palast in der Sonne, das Bürgerspital als Haus für Arme und Kranke im Schatten. Die Freyung zeigt nicht nur Vergnügliches, sondern mit dem kleinen Bauernmarkt auch das einfache Leben.
Canaletto – Bellotto
Aber wie sein Onkel so inszeniert auch Bellotto weiterhin die Welt als Theater, in der Gebäude wie Kulissen verschoben werden können. Sehr anschaulich ist dies in seinem berühmten Werk „Wien vom Belvedere aus gesehen“ – das in den letzten Jahren eine unerwartete Aktualität erhielt.
Canaletto-Blick
Denn die Vedute wurde zum Argument im Kampf gegen ein Investorenprojekt: Die Erweiterung des InterContinental Hotels würde den „Canaletto-Blick“ zerstören, heißt es. Im KHM lässt sich jetzt bestens sehen, wie konstruiert und keineswegs der Realität entsprechend dieser ´Blick´ ist. Gibt Bellotto die Silhouette von Wien äußerst präzise wieder, rückt er andere Architekturen wie die Karlskirche oder die Salesianerinnenkirche irritierend nah zusammen.
„Empirischer Realismus“ wird dieser Stil genannt, der zwar in Perspektive und und vielen Details akkurat ist, aber anderes gerne der malerischen Komposition anpasst: Proportionen werden verschoben, Dächer geschrumpft, Störendes entfernt. „Ein gutes Gemälde ist eine Reise in eine Welt, in der die Dinge schöner sind als in Wirklichkeit“, erklärte Canaletto einmal, und zur Perspektive sagte er, dies sei „die goldene Kette, die alle Elemente eines Gemäldes vereint“.
Bellotto: Degradierung und Rückkehr
Gerade diese realitätsidentische Grundkonstruktion wurde Bellotto später auch zum Ärger. 1761 verlässt er Wien, erst nach München, dann nach Dresden, wo er sich vom Hofmaler zum „Lehrer für Perspektive“ an der Akademie degradiert sieht. Hier entsteht sein gewaltiges Werk „Architekturfantasie“, mit der er die Bedeutung der Perspektive als Grundlage künstlerischer Erfindungsgabe betont und das jetzt zu den Höhepunkten der Schau gehört.
Mit diesem Werk wird einmal mehr bekräftigt, dass die beiden weltberühmten venezianischen Vedutenmaler keineswegs fotografische Abbildungen liefern wollten, sondern präzise konstruierte Bildschöpfungen – präzise genug übrigens, dass Bellottos in Warschau, wo er 1780 starb, geschaffenen Veduten Jahrhunderte später als Musterbilder für den Wiederaufbau der Stadt dienten.
veröffentlicht in: Die Presse, 23.3.2026



