
Johann Victor Krämer | Mitglieder der Hagengesellschaft, 1886/87 | ALBERTINA, Wien © Foto: ALBERTINA, Wien
Die Hagengesellschaft ist ein heiteres Kapitel der Wiener Kunstgeschichte – aber reicht das für eine Ausstellung in der Albertina, noch dazu unter dem irreführenden Titel „Wiener Bohème“?
Ende des 19. Jahrhunderts trifft sich eine lose Gruppe Wiener Kunststudenten im Café Sperl, das wenige Gehminuten von der Akademie am Schillerplatz entfernt liegt. Anschließend wechseln sie in das Bierlokal Zum Blauen Freihaus. Dessen Wirt heißt Haagen – damit ist der Name geboren: Hagengesellschaft.
Siebzehn Jahre, von 1880 bis 1897, kommen sie fast täglich zusammen zum Musizieren, Diskutieren und vor allem Zeichnen. Anfangs direkt auf die Marmortische, aber das wird am Ende des Abends weggewischt, wechseln sie 1888 auf Papier. Unter griffigen Themen wie „Hin is er“ oder „Aussi möcht i“ veranstalten sie kleine Wettbewerbe.
Pudelnärrische Kunst
Es entstehen schnellen Skizzen, sie karikieren sich untereinander und stellen sich in Scherzbildern als Gruppe dar. Bald sammeln sie die Zeichnungen in einer Mappe, die 1905 der Albertina geschenkt wird. Mit der Gründung der Wiener Secession 1897 und des Hagenbunds 1900 endet diese intensive Phase, die getragen ist von einer Tätigkeit, die Ludwig Hevesi einmal als „Pudelnärrische, höchst nichtoffizielle Kunst“ beschreibt. Er spricht auch vom „Wiener Montmatre“. Das gleichnamige Pariser Viertel gilt damals als Inbegriff der Bohème: der arme Künstler, dem Kreativität wichtiger ist als bürgerliche Werte.
Pariser Bohème
Jetzt zeigt die Albertina 140 Zeichnungen dieser Hagengesellschaft-Mappe unter dem reizvollen, aber leider irreführenden Titel „Die Wiener Bohème“. Die Bohème ist ein enorm spannendes Thema. Ursprünglich mit fahrenden, aus Böhmen stammenden Völkern verbunden, wird mit dem Etikett bis ins 19. Jahrhundert ein lasterhafter, verwerflicher Lebensstil verbunden. Das ändert sich mit dem Roman „Scènes de la vie de bohème“ („Szenen des böhmischen Lebens“) von Henry Murger 1851, auf der Pucinis 1896 uraufgeführte Oper La Bohème basiert, einer Liebesgeschichte zwischen einem armen Dichter und einer kranken Näherin. Damit ist der Begriff endgültig umgedeutet und steht seither für ein kompromisslos der Kunst gewidmetes Leben, für Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität. Statt bürgerlichen Tugenden und einer Suche nach Sicherheiten zu folgen galt es, ein exzessives, intensives Leben zu feiern, in dem Armut keine Schande war.
Hagengesellschaft als Wiener Bohème?
Dieses romantisch-verklärte Künstlerbild hält sich bis ins späte 20. Jahrhundert. Interessant wäre eine Untersuchung, wer und was genau die Wiener Bohème ausmacht und die Rolle der Hagengesellschaft darin. Ist die Gasthausrunde eine „Keimzelle“, wie es Direktor Ralph Gleis nennt?
Wird in Österreich nicht eher von der „Wiener Moderne“ gesprochen statt von der Bohème – warum? Was wäre unter einer ´Wiener Bohème´ zu verstehen, gehören dazu nicht auch wegweisende Literaten bis Musiker? Kann in irgend einer Weise der im Titel anklingende künstlerische Einfluss der französischen Avantgarde in den schnellen Skizzen nachgewiesen werden oder nur im Fakt der für Bohèmiens typischen Trinkfreudigkeit?
Fleissige Forschungsarbeit
Solche Fragen werden nicht einmal ansatzweise aufgegriffen. Stattdessen fokussieren Ausstellung und Katalog einzig auf die Zeichnungsmappe. Es sei eine „Forschungsarbeit“, betont Kuratorin Elisabeth Dutz: Die rund 800 meist nicht signierten Blätter seien zugeordnet, die Lebensdaten der Künstler ermittelt und das Freundesnetzwerk rekonstruiert worden.
Ein wichtiger „Ausgangspunkt“ sei die Feststellung der 130 Kernmitglieder. Dazu gehören nicht nur Kunststudenten, auch Freunde, Verwandte mit unterschiedlichsten Berufen sind Teil des offenen Netzwerk, das sich durch „gesellige Heiterkeit, harmlosen Übermut“ auszeichnet, wie es Dutz beschreibt – nicht gerade zentrale Kennzeichen der Bohème übrigens.
Im Katalog erzählt Dutz den Alltag der Tafelrunde nach. Aspekte wie Qualität und künstlerischer Relevanz bleiben ausgespart. So hat auch die Ausstellung nicht mehr zu bieten als einige Blätter, die als Zeitdokumente von einem durchaus heiteren Kapitel der Wiener Stadtgeschichte erzählen.
„Wer seine Augen eine Stunde lang gut unterhalten will, gehe jetzt in die Albertina“, schrieb laut Katalogtext ein damaliger Kunstkritiker über die Blätter der Hagengesellschaft – wenn das der Anspruch des Museums ist, dann allerdings ist es eingelöst.
veröffentlicht in: Die Presse, 23.8.2025
Wiener Bohème, Albertina, Wien, bis 12.10.2025
