MIA Photo Fair in Mailand ist eine Nischenmesse – wo geboten wird, was auf den großen Kunstmessen kaum mehr zu finden ist: experimentelle Fotografie mit künstlerischem Anspruch.
Der Raum ist karg. Auf dem rohen Erdboden steht eine Badewanne, ein Frauenbein ist keck herausgestreckt. Daneben sitzt ein kleiner Hund. Unter der Wanne rasten Enten. Eine Katze thront auf einem Brett. Über der Wanne hängt ein überdimensionaler, mit angedeuteten Figuren bemalter, gelblicher Vorhang – aus dem ein Mann mit Hut fast herausspringt. Sein riesiges Fernrohr richtet er auf das Frauenbein. Was für eine absurde Szene! Es ist eine typische Fotografie von Roger Ballen aus seiner Animalism-Serie, die gerade am Stand der Galerie Buildung auf der MIA Photo Fair in Mailand ausgestellt ist.
Die ganze Kraft der Fotokunst
Es ist die 15. Ausgabe dieser wichtigsten Fotografiemesse Italiens, die im vollen Namen MIA Photo Fair BNP Paribas lautet – inklusiv Hauptsponsor. Über einhundert meist aus Italien stammende Aussteller von Galerien bis zu Fotostudios zeigen im Superstudio Piu Werke internationaler Künstler. Die ehemalige Industriehalle liegt mitten im Kreativ- und Designviertel Tortona District.
Zur Eröffnung drängeln sich gefühlt fünftausend Menschen durch die engen Gänge der kaum hergerichteten Halle – es sei die bestbesuchte Messen bisher, erzählt eine Galeristin. Hier präsentiere sich die ganze Kraft dieser Kunstsparte, die in Italien nach wie vor ein wichtiger Markt sei, betont sie. Das mag nicht zuletzt an den großzügigen staatlichen Förderungen für fotografische Projekte zu Themen wie Urbanität, Industrie oder Erinnerung liegen.
Vorsichtiger Wachstumsmarkt Fotografie
Aber es passt auch zur derzeitigen Marktsituation. Obwohl Fotografien als licht- und temperaturempfindliche Objekte weitaus anspruchsvoller in der Präsentation und Lagerung sind als etwa Malerei, beträgt das Volumen für künstlerische Fotografie international rund zehn Prozent des globalen Kunstmarkts.
Der Wachstum liegt laut Global Growth Insight bei jährlich 5 bis 10 Prozent. Zwar bringen Blue Chips wie die großformatigen Wimmelbilder von Andreas Gursky nicht mehr Auktions-Spitzenpreise bis zu 4 Millionen Dollar. Dafür ist der Markt weniger stark preissensitiv dank der Menge an Transaktionen im niedrigen Preisbereich.
Vienna Vintage Photo in Wien
Gerade spezialisierte Fotomessen helfen dabei, diesen eigenständigen Sammler-Markt zu etablieren – und das sogar auch in Wien. Aber anders als die Vienna Vintage Photo Fair, bei der April im Museumsquartier rund vierzig Aussteller historische Originalabzüge dicht gedrängt auf langen Tischen anbieten werden, fokussiert die Mailänder Messe vor allem auf künstlerische Fotografie und hybride Bildsprachen.
Zu niedrigen Preisen werden vornehmlich Kleinformate in kleinen Ständen geboten – die MIA Photo Art ist eine Einsteigermesse. So kostet eine Aufnahme des berühmten Künstlers Keith Haring aus dem Jahr 1984 von dem Fotojournalisten Santi Caleca (Galerie Antonia Jannone) 2500 Euro in einer 10er Auflage. Die starken Frauenportraits von Keila Guilarte (Tallulah Studio Art) kosten in einer 7er-Auflage 3.500 Euro. 1981 in Kuba geboren, war Guilarte zunächst im kubanischen Nationalteam der Synchronschwimmerinnen, arbeitete dann als Modell für Armani bis Campari und macht sich jetzt einen Namen als Mode- und Portraitfotografin. Auf der MIA Photo Fair zeigt sie ihre Serie stolzer Frauen aus Neapel: mit direktem Blick in die Kamera wirken sie wie Mitakteurinnen der Aufnahmen.
Im Austausch mit den Portraitierten
Wie Guilarte sucht auch der Niederländer Jimmy Nelson den intensiven Austausch mit seinen Portraitierten. Immer wieder sei er in die Mongolei gereist und sogar mit den Falkner in die Steppe ausgeritten, dabei leider oft vom Pferd gefallen, erzählt er – bis er mit seiner altertümlichen 10×8-Analogkamera die faszinierenden Aufnahmen in brillanter Schärfe machen konnte (Willas contemporary).
Ähnlich wie die „psychologischen Bühnen“, wie ein Galeriemitarbeiter die inszenierte Fotografie von Roger Ballen nennt, gehören auch Nelsons Werke zu den hochpreisigeren Werken der Mailänder Messe. Im oberen Preissegment finden sich William Wegmans Werke am Stand des Sponsors AON. Seit seinem ersten, damals Man Ray genannten Hund dieser stolzen, silbergrauen Rasse drapiert der 1948 geborene US-Künstler seine Tiere für die Fotografien verkleidet in menschlichen Posen. Auf Auktionen brachten seine Editionen bis zu 50.000 Euro. In Mailand ist sein Weimaraner mit Perücke das zentrale Motiv für das Metamorphosen-Thema, mit dem der Wandel von Bildsprachen, aber auch gesellschaftlichen Diskursen thematisiert wird.
veröffentlicht in: Die Presse, 21.3.2026




