Ferdinand Georg Waldmüller ist bekannt für seine idyllischen Figurenbilder. Jetzt zeigt das Belvedere den Wiener Künstler als Landschaftsmaler – und darin lag damals eine Rebellion.
Wir können uns heute kaum vorstellen, wie radikal Ferdinand Georg Waldmüllers Schritt Anfang der 1830er Jahre war: Plötzlich dominieren nicht mehr liebliche Figuren mit zartrosa Pausbäckchen vor einer kulissenhaften Landschaft die Kunst. Jetzt wird ein einfacher Baum zum alleinigen Bildhelden – nicht beschönigt, nicht idealisiert, sondern naturnah dargestellt. Damit beginnt seine zwei Jahrzehnte währende, intensive Phase der Landschaftsmalerei.

Ausstellungsansicht „Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt“, Unteres Belvedere. Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Star der Belvedere-Sammlung
Genau diesem Thema widmet das Belvedere jetzt eine umfassende Ausstellung – und zeigt nebenbei, dass der 1793 geborene Wiener mit seiner künstlerischen Entscheidung keineswegs allein stand. 64 Werke sind in der Orangerie zu sehen, 48 davon von Waldmüller – mit 80 Gemälden ist Waldmüller der Star in der Haussammlung des Belvedere. Schon 1858 erfolgte mit dem sozialkritischen Werk einer Armenspeisung in „Die Klostersuppe“ (1858) der erste Ankauf, damals noch für die Kaiserliche Galerie. Als neuester Zuwachs kam 2023 „Die letzte Ölung“ (1846) dank eines Vermächtnisses in die Sammlung. Beide Werke entstanden parallel zu seiner Passion der Landschaftsmalerei. Jetzt legt das Belvedere erstmals den Fokus allein auf dieses Genre, das nicht nur sein künstlerisches Werk, sondern sein Leben am meisten prägte.
Landschaft als Rebellion
Denn seine Landschaften wurden damals als Rebellion wahrgenommen. In den 1830ern bestimmten die Akademien den Kunstkanon – und der sah biblische oder mythologische Motive in idealisierten Szenen vor. Waldmüllers Realismus dagegen war ein Sakrileg. Als er dann 1857 auch noch mit seiner Schrift das Studium der Natur forderte und die gesamte Akademie in Frage stellte, wurde er prompt von seinem Lehrposten und seiner Stelle als Kustos in der Gemäldegalerie zwangspensioniert.
Finanzielle Notlage
Zwar kurz vor seinem Tod 1865 rehabilitiert, brachte die Halbierung seiner Bezüge ihn in eine finanzielle Notlage. An der konnten auch die ein Jahr zuvor höchst erfolgreichen Verkäufe seiner Werke in England nichts ändern: 1856 brachte er 34 Bilder mit alltäglichen Szenen einfacher Menschen nach London. Zwei kaufte das Königshaus an. Die übrigen versteigerte das britische Auktionshaus Phillips.

Ferdinand Georg Waldmüller, Die Ruine Liechtenstein bei Mödling, 1848. Belvedere, Wien. Foto: Johannes Stoll
Waldmüller als Liebling des Bürgertums
Aber das reichte nicht. 1863 verauktionierte Waldmüller einen großen Teil seiner Werke im Wiener Salon Löscher, darunter einige jener Landschaften, die jetzt im Belvedere zu sehen sind – denn gerade seine Landschaftsmalerei war im Wiener Bürgertum beliebt. Nicht Hochadel oder Kirche, sondern Ärzte, Kaufleute und Fabrikanten bevorzugten die realistischen Bildmotive – als Dekoration ihrer Wohnungen, aber auch als Ausdruck ihrer Lebenswirklichkeit. Landschaften entsprachen perfekt der Zeit, dem Biedermeier mit dem Rückzug ins Private, der neu entdeckten Sommerfrische in den Bergen und Naherholung im Wienerwald.
Zudem ließ das angehende Maschinenzeitalter mit den sozialen Umbrüchen den Wunsch nach einer heilen Welt entstehen, Natur erschien als deren Ideal. Da verwundert es nicht, dass Waldmüller in den 1830ern stolze 90 Werke malte, die meisten im bürgertumstauglichen Kleinformat. Ob Prater-Serie oder Salzkammerbilder, die Motive waren der Lebensrealität entnommen und damit für die Käufer verständlicher als die symbolgeladene akademische Malerei.

John Constable, Salisbury Cathedral und Leadenhall vom Fluß Avon, 1820. © The National Gallery, London
Detailverliebt oder flotter Pinsel
Zeitgleich legte auch Johann Georg von Dillis seinen „Hirschgarten bei München“ 1830 oder Jean-Baptiste Camille Corot seine Landschaft von Avignon 1836 an. Bei aller Gemeinsamkeit im realistischen Stil und dezidiertem Lokalbezug sind die malerischen Techniken der Künstler allerdings gravierend unterschiedlich: Wo man in Waldmüllers fast graphischer Detailgenauigkeit oft jeden einzelnen Stein und jedes Blatt erkennt, hält der englische Maler John Constable mit flottem Pinsel in seiner „Kathedrale von Salisbury“ von 1823 eher eine Atmosphäre fest.
Waldmüller – Courbet
Wie anders dagegen der Franzose Gustave Courbet, der nicht nur mit Pinsel, sondern auch mit Spachtel arbeitet, um den Felsen und Steinen eine fast haptische Materialität zu verleihen. Courbets Werke hängen nicht im Belvedere, sondern im Leopold Museum. Wien bietet gerade die einzigartige Möglichkeit, die beiden Künstler in den großen, grandiosen Ausstellungen vergleichen zu können: Beide sind künstlerische Revoluzzer, die der Geschichte der Malerei wesentliche Veränderungen schenkten. Beide sind Künstler, die von späteren Kollegen hoch geschätzt wurden – von Waldmüller schwärmten die Wiener Secessionisten Anfang des 20. Jahrhunderts wegen des Lichts und des Realismus´. Und beide erzählen bis heute viel über die gesellschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit.
Veröffentlicht in: Die Presse, 27.2.2026
Ferdinand Georg Waldmüller, Unteres Belvedere, Wien. 27.2.-14.6.2026
(Gustave Courbet, Realist und Rebell. Leopold Museum, Wien. 19.2.-21.6.2026)

