
Roy Lichtenstein, Modern Tapestry, 1967. 274,3 × 365,8 cm, Wolle, geknüpftes und geschnittenes Florgewebe. The ALBERTINA Museum, Vienna – gift of the Estate of Roy Lichtenstein, 2024 © Estate of Roy Lichtenstein / Bildrecht, Vienna 2026. Foto: ALBERTINA, Wien
Ohne Schenkungen keine Albertina in der heutigen Form – „Donated with Love“ zeigt einen umfassenden Überblick über die Neuzugänge in Klosterneuburg.
Danke, danke, danke – das sei die Botschaft der neuen Sammlungsaufstellung in der Albertina Klosterneuburg, sagt Kuratorin Angela Stief. 115 Werke sind dort auf zwei Etagen zu sehen, fast alles Schenkungen. Zum 250jährigen Jubiläum der Albertina sei „Donated with love“ eine Hommage an all die Förderer der Albertina. Denn ohne solche großzügigen Gaben wäre die Albertina nicht das, was das Bundesmuseum heute ist.
Erst die Schenkungen und auch Leihgaben haben die ehemals graphische Sammlung in das heutige Museum für alles verwandelt. 65.000 Werke, vor allem Kunst nach 1945 gehören dazu. Ein wichtiger Grundstock ist die Schenkung der Sammlung Essl 2018 mit 1323 Werken, die Sammlung Chobot mit 800 meist Art Brut-Werken oder die 80 Bilder australischer Indigener aus der Sammlung Bähr/Forst.
Künstlergeschenke
Auch Künstler tragen dazu bei: Der US-amerikanische Maler Alex Katz, ein Dauergast vieler Albertina-Ausstellungen, überließ dem Museum sein gesamtes druckgraphisches Werk. Die US-Pop Art-Ikone Roy Lichtenstein ist mit 95 Werken, darunter Zeichnungen und Skulptur-Modelle vertreten. Auch Erwin Wurm oder Valie Export, George Baselitz und Katharina Grosse zeigten sich großzügig. Solche Schenkungen hätten mittlerweile einen Schneeballeffekt, erzählt Stief, immer mehr Künstler, Galeristen oder Nachlassverwalter wie jener von dem jüngsten Zugang der Saul Steinberg-Zeichnungen würden sich an sie wenden. Jedes Jahr steuere auch der Kunsthändler Amir Shariat Werke bei, in der Schau sind von ihm allein fünf Wandarbeiten des österreichischen, 1951 geborenen und nach wie vor weit unterschätzten Künstlers Rudolf Polanszky zu sehen.
Warum wird geschenkt?

Liliane Tomasko, a secret that wasn’t, 2019. ALBERTINA, Wien © Liliane Tomasko. Foto: ALBERTINA, Wien
Aber was bewegt Künstler, Händler oder Privatpersonen zu Schenkungen? Künstler nennen oft den Wunsch, in Wien bzw. in einer derart renommierten Institution wie der Albertina vertreten zu sein – der Kontext wertet das Werk auf. Ähnliches gilt für die Händler oder Stiftungen: Das Museen gilt als wichtige Provenienz, was Verkaufspreise hochtreiben kann.
Steuerliche Gründe
Auch ein steuerliches Interesse kann vorliegen: Eine Kunstspende an ein Bundesmuseum ist steuerlich absetzbar, bei Privatpersonen bis zu 10 Prozent der Einkünfte pro Jahr, bei Unternehmen bis zu 10 Prozent des Gewinns. Die Museen setzen den Marktwert fest. Das mag sogar manchen Künstler im Moment einer Steuerprüfung motivieren. Aber nicht alles wird vom Museum auch angenommen. „Wir lehnen weit mehr ab als wir aufnehmen“, betont Stief. Es müsse von der Qualität, aber auch zur Sammlung passen. „Wie können wir damit arbeiten“ sei eine zentrale Frage, im wissenschaftlichen und kuratorischen Zusammenhang. „Wir wollen nicht zu viele Solitaire haben“, es müsse zusammenpassen – wie in der Schau in Klosterneuburg, wo im oberen Raum mit großformatigen Malereien das Thema Abstraktion und Linie dominiert. Und sie wollen mit den Werken am Puls der Zeit bleiben, was durch Ankäufe schlicht nicht zu leisten wäre – die grandiosen Bilder von Sean Scully oder das millionenteure Gemälde „Panoptes“ des Blue Chip-Stars Julie Mehretu liegen außerhalb jeglicher institutioneller Ankaufsbudgets.
Sind Schenkungen neutral?
Schenkungen sind allerdings keineswegs eine neutrale Angelegenheit, sondern Teil von Macht- und Anerkennungsstrukturen. Spender können durch eine Schenkung neben dem steuerlichen Vorteil den eigenen Namen verewigen und so symbolisches Kapital gewinnen – der Name bleibt im institutionellen Gedächtnis. Die Unterstützung des Museums fördert das eigene Prestige und sichert soziale Anerkennung.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu erklärt, Kunstschenkungen seien kein altruistischer Akt, sondern eine strategische Positionierung im Kunstfeld, bei der ökonomisches in symbolisches Kapital umgewandelt werde – und oft auch wiederum zurück, wie für Händler und Nachlässe ergänzt werden muss. Oft geht damit die vertragliche Vereinbarung einher, das Geschenkte auch auszustellen – wofür die Albertina Klosterneuburg wegen der hohen, offenen Räumen der perfekte Ort sei, wie Stief betont. Im Juni, verrät sie, wird die Schau noch erweitert, inklusiv Sommerfest.
veröffentlicht in: Die Presse, 1.4.2026
