Michael Armitage, Lorna Simpson, Amar Kanwar, Paulo Nazareth

26. Apr. 2026 in Ausstellungen

Michael Armitage, The Musicians. Oil on Lubugo bark cloth. Courtesy Palazzo Grassi

Michael Armitage, Lorna Simpson, Amar Kanwar, Paulo Nazareth – gleich vier Künstler*innen stellen heuer im Palazzo Grassi und Punta della Dogana in Venedig aus.

Ursprünglich dem Königshaus von Buganda vorbehalten, wird das Lubugo genannte Baumrindenvlies heute in Uganda als Sargtuch, vor allem aber für Touristensouvenirs von Mützen bis Platzsets verwendet.  Dort entdeckte es der 1984 geborene, kenianisch-britische Maler Michael Armitage. Seither dient ihm dieses Material als Leinwand. Spätestens seit seinen gleichzeitigen Museumsausstellungen 2019 in London, Sydney und New York gilt Armitage als Superstar, seine Bilder kosten mehrere Millionen. Jetzt sind 46 seiner kraftvollen Bilder im Palazzo Grassi in Venedig zu sehen.

Pinaults Häuser

Der gleich am Canal Grande gelegene Palast gehört seit zwanzig Jahren dem französischen Milliardär Francois Pinault. 2007 mietete er dazu die schräg gegenüber liegende, ehemalige Zollstelle Punta della Dogana. Beide Häuser dienen ihm als Schauplatz seiner Sammlung, oft stammt der Großteil des Ausgestellten aus seinem Besitz. Meist Einzelausstellung, lag der Schwerpunkt bisher klar auf westlicher Kunst. Doch diesmal ist alles anders: Nur ein kleiner Teil des Ausgestellten stammt aus seiner Sammlung. Und erstmals müssen sich je zwei Künstler ein Haus teilen – obwohl ihre formalen Sprachen äußerst divergent sind.

Lorna Simpson, Punta della Dogana: © Lorna Simpson; courtesy the artist and Hauser & Wirth; Foto James Wang

Lorna Simpson trifft auf Paulo Nazareth

So trifft im ehemaligen Zollhaus die afro-amerikanische Künstlerin Lorna Simpson auf den weit weniger bekannten Brasilianer Paulo Nazareth. In den 1980er Jahren galt Simpson als Pionierin der konzeptuellen Fotografie, mit der sie Stereotypen des schwarzen, weiblichen Körpers befragte. In Venedig sind dazu ihre großformatigen Bilder zu sehen, auf denen Fotografien aus Vintage-Magazinen mit Textfragmenten, gemalten Elementen wie Eis oder Rauch überlagert sind. Die Werke balancieren auf Bruchsteinen, die für „Fragilität und Gefahr stehen“, wie Kuratorin Emma Lavigne erklärt, auch für „den Kollaps der USA“. In der „Ice“-Serie erzeugen Blau und Silber jenes Gefühl von Solastalgie – also der Schmerz über die zerstörte Heimat – , den Lavigne als zentrale Emotion beschreibt.

Installation view, “Paulo Nazareth. Algebra”, 2026, Punta della Dogana, Venezia. Ph. Jacopo Salvi © Palazzo Grassi, Pinault Collection

Paulo Nazareths Schau dagegen ist ein Puzzle vieler Elemente, die irgendwie mit seinen Wanderungen – auf Migrationsrouten, wie betont wird – durch Lateinamerika und Afrika verbunden sind: In Harz eingegossene Bierflaschen, bestickte Tücher, verwackelte Fotografien als Poster zum Mitnehmen. Durch seine Räume läuft eine lange Linie aus Salz, die die Form eines Sklavenschiffes andeuten soll.

Zwei Stockwerke für Michael Armitage

Noch uneinheitlicher in der künstlerischen Sprache ist die Kombination im Palazzo Grassi: Über zwei Stockwerke sehen wir in einem intensiven Rundgang Armitages eindringliche Malereien, die farbenprächtig gewaltintensive Themen aufgreifen wie eskalierende politische Proteste in Nairobi, Männerprostitution und traumatische Ereignisse während der Covid-Pandemie in Kenia. Wir sehen die griechische Sagengestalt Europa als schwangere Migrantin und mit dichtgedrängten Körpern gefüllte Schlauchboote – all das auf der faserigen, unregelmäßigen Oberfläche des Lubugo-Stoffs.

Lubogo als Bedeutungsträger

Die harten Metallklammern zur Befestigung der Stoffbahnen sehen aus wie Nähte, die Löcher im Stoff wie Wunden. Aber das Material bedeutet ihm noch mehr, betont er im Gespräch. Sein gestischer  Pinselstrich habe seine Bildthemen so schnell in einen falschen Kontext gesetzt, in europäische Kunsttraditionen wie Fauvismus oder Expressionismus. Mit Lubugo dagegen seien seine Bilder „destabilisiert“ – und vor allem im ostafrikanischen Kontext verankert. Visuell überwältigend auch seine jüngsten, teils eigens für Venedig gemalten Werke. Die pastelligen Farben suggerieren zunächst idyllische Landschaften. Aber die vielen Schichten übereinander lassen bald groteske Szenen entdecken wie die aus dem Nichts kommenden Hände, die Beine umklammern, und die durchsichtig erscheinenden Körper – Magischer Realismus wird dieser fließende Wechsel zwischen Transparenz und Dunkelheit hier genannt.

Amar Kanwar, The Peacock’s Graveyard, 2023, Pinault Collection. Installation view Amar Kanwar. Co-travellers, 2026 Ph. Marco Cappelletti Studio © Palazzo Grassi, Pinault Collection

Amar Kanwars Erzählungen

Am Ende dieses intensiven Rundgangs durch Armitages Bildwelten führt der Weg in einen kleinen Bereich mit Videoinstallationen des 1964 in Neu-Delhi geborenen Amar Kanwar. 2004 wurde er bekannt mit seinem 7-Kanal-Werk zur Militärgewalt in Burma. Sein neuestes, von Pinault angekauftes Werk „Peacock´s Graveyuard“ reiht fünf von ihm geschriebene Erzählungen in sieben synchronisierte  Projektionen wie ein visuelles Haiku aneinander: Parabeln über Rechte, Religion, Karma und Moral, über Gewalt und Gier. Heute könne man nicht mehr rational argumentieren, erklärt er im Gespräch. Er habe eine andere, dezidiert nicht-ideologische Sicht eröffnen wollen.

(from left to right) Michael Armitage, Holding Cell, 2021, Courtesy of the artist; Europa, 2025, Courtesy of the artist. Installation view Marco Cappelletti Studio. Palazzo Grassi

Was vereint die Vier?

Was also vereint diese vier komplett verschiedenen Werke? „Wir wollten zeigen, wie sich die Sammlung Pinault in den zwei Dekaden verändert hat“, erklärt Direktor Bruno Racine: mehr nicht-westliche, farbige Künstler. „Nicht alle können das gesamte Haus mit ihrem Werk bespielen“, daher haben sie sich für diese „Dialoge“ entschieden. Alle eint der Fokus auf die Herausforderungen unserer Zeit: Migration, Repressionen, Wandel, so Racine. Eine rein westliche Wahl wäre in heuer, da die 61. Biennale Venedig programmatisch global ausgerichtetet ist, ohnehin unpassend, möchte man hinzufügen.

veröffentlicht in: Die Presse, 18.4.2026