
VALLY WIESELTHIER, Hirsch mit spielenden Putten, nach 1925. MAK Ausstellungsansicht, 2026. Zentraler Raum MAK Design Lab. © MAK/Christian Mendez
Vally Wieselthier ist Meisterin der Keramikkunst, Anni Albers der Textilkunst – zwei höchst erfolgreiche Meisterinnen ihres Fachs, die viel zu lange unbeachtet blieben. Jetzt sind beide zeitgleich in Wiener Museen zu sehen.

Ausstellungsansicht „Anni Albers. Constructing Textiles“, Unteres Belvedere. Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Sie experimentierten gerne, spielten mit den Formensprachen ihrer Zeit. Sie schufen funktionale, aber auch funktionsfreie Kunstwerke – und wurden beide vergessen. Oder besser: aus dem kunsthistorischen Kanon der Moderne ausgeschlossen. Jetzt endlich ändert sich das. Zwei Wiener Museen zeigen zeitgleich umfassende Personalen, Vally Wieselthier im MAK, eine außerordentliche Keramikkünstlerin, die es in den 1920er Jahren bis in eine leitende Position bei den Wiener Werkstätten schaffte. Anni Albers im Unteren Belvedere, die als erste Frau und erste Textilkünstlerin 1949 eine Personale im New Yorker MOMA erhielt. Danach verschwand Albers aber wieder im Schatten ihres auf Quadrate spezialisierten Maler-Mannes Josef Albers, obwohl sie in grandioser Weise Weben mit Materialforschung und Architektur verband.

MAK Ausstellungsansicht, 202. VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton. Zentraler Raum MAK Design Lab. © MAK/Christian Mendez
Beide waren Schülerinnen wegweisender Künstler ihrer Zeit, die 1895 geborene Wieselthier lernte bei Josef Hoffmann an der Wiener Kunstgewerbeschule. Hoffmann sah schnell das große Potential seiner Schülerin, was sie mache sei im Grunde genommen mehr als Keramik, es sei Skulptur, wird er oft zitiert. Ab 1917 arbeitete sie an den Wiener Werkstätten, verließ die Firma, um sich selbstständig zu machen. 1927 kehrte sie für kurze Zeit zurück. Dort entwickelte sie ihre großartige Bildsprache mit floralen Mustern auf figurativen Formen in herrlich leuchtenden Glasuren in kontrastreichen Farben.
Vally Wieselthier-Schenkung an MAK
Das MAK erhielt jüngst den gesamten Papier-Nachlass von Wieselthiers Neffen, der dem Wiener Museum auch ein großes Konvolut an Keramikskulpturen versprochen hat. Mit welch einer Freiheit Wieselthier das kurios überlange, dürre Reh vor einen erstaunlich niedrigen Baum platziert und sich dabei einen wilden Umgang mit Proportionen erlaubt!
Körperhaltungen und Gesten waren ihr wichtiger als anatomische Genauigkeit. Oder ihr frecher Halsschmuck, den wir im MAK nur als Entwurfsskizzen sehen: An einer knallroten Kette hängen Champagnerschalen – das wünscht man sich als Nachproduktionen! Die Entwürfe entstanden in den 1930er Jahren, da lebte sie schon in den USA. In New York entstanden auch ihre grandiosen Keramiken der „Zirkus“-Serie, in denen sie so künstlerisch mit Farben spielt wie es sich ein Picasso kaum traute.
Vally Wieselthier plus zeitgenössische Künstlerinnen
Obwohl sie Artikel über ihre Arbeit publizierte, sich von namhaften Fotografen portraitieren ließ und aktiv Kontakte zur Kunstszene hielt, wurde ihr Werk nach ihrem Tod 1945 kaum noch gezeigt. Daran änderte sich auch nichts, als die österreichische, in New York lebende Künstlerin Kiki Kogelnik die Keramikmeisterin wiederentdeckte, worüber neuerdings wiederum die Wiener Künstlerin Anna Mansel-Pleydell zu Wieselthiers Werk fand. Konsequenterweise finden sich von beiden Zeitgenossinnen Werke in der Ausstellung. Beide sind inspiriert von der großen, schöpferischen und technischen Freiheit und expressiven Formensprache, auch wenn beide aber andere Wege einschlagen: Mansel-Pleydells Werk folgt eher der japanischen Tradition, Kogelniks „Janus Kopf“ von 1995 spielt mit der Sprache der Pop-Art.

Ausstellungsansicht „Anni Albers. Constructing Textiles“, Unteres Belvedere. Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Anni Albers: Statt Malerei Weben
Ohne zeitgenössische Verweise präsentiert das Belvedere in Kooperation mit dem Zentrum Paul Klee in Bern die Textilkünstlerin Anni Albers. Über 180 Textil- und Archivmaterialien sind ausgestellt, die eindrücklich den konsequenten Weg der 1899 in Berlin als Annelise Fleischmann geborenen Künstlerin nachvollziehen lassen.
Ursprünglich wollte sie Malerei studieren, wurde aber gegen ihren Willen in die als ´weiblich´ geltende Webklasse gesteckt – was sich als Glücksfall erwies. Denn in dieser Technik entwickelte sie ein einzigartiges Werk. 1922 begann ihr Studium am Bauhaus in Weimar, 1930 erhielt sie ihr Diplom. Mittlerweile unter dem Namen Anni Albers entwickelte sie schon Ende der 1920er Jahre ihren berühmten Wandbehang mit den für ihr späteres Werk typischen geometrischen, abstrakten Strukturen.

Ausstellungsansicht „Anni Albers. Constructing Textiles“, Unteres Belvedere. Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Anni Albers´ Materialexperimente
Es war ein einzigartiges Materialexperiment. Denn sie kombinierte Baumwolle mit Chenillegarn, um den Schall zu absorbieren, und Cellophan als lichtstreuendes Material. Später experimentierte sie mit Jute, Sisal, Nylon und sogar glitzernden Metallfäden in ihren Textilien. 1933 emigrierte sie mit ihrem Mann in die USA, wo sie bald einen Webkurs am renommierten Black Mountain College initiierte – und Generationen von Künstlerinnen mit ihrer reduzierten, eleganten, sachlich in den Formen gehaltenen Kunst inspirierte. Konzentrierte sie sich Anfangs auf ruhige Farben, experimentierte sie in den späten 1950er mit leuchtend orange-gelb-roten Farbspielen, webte Kunststoffe ein und blieb doch immer eine Minimalistin in der Formensprache. Sie verstand Textilien als funktionale Flächen, sah eine große Nähe zur Architektur – ein Fokus, der in der Belvedere-Ausstellung zentral ist.
Präkolumbianische Kulturen
Durch Reisen nach Mexiko begann sie sich für präkolumbianische Kulturen zu interessieren, was sich deutlich in den neuen Mustern ihrer Werke ausprägt. „Pictorial Weavings“ nannte sie ihre Malerei mit Fäden, Bildwebereien. Anders als Wieselthier hielt sich Albers von der US-Kunstszene fern und führte ein eher zurückgezogenes Leben. Statt Parties zu besuchen schreibt sie theoretische Schriften über das Webens, verband Materialkunde mit Fragen zu Struktur und Gestaltung. Ihre Kernaussage: Material ist eine bedeutungstragende Sprache, die Weberei ist ein eigenständiges Gestaltungssystem mit intellektuellem Anspruch.

MAK Ausstellungsansicht, 2026. VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton. Zentraler Raum MAK Design Lab. © MAK/Christian Mendez
Warum so lange verborgen?
Wieselthiers und Albers´ Werke demonstrieren überzeugend, wie sehr hier Kunsthandwerk von der bildenden Kunst nicht zu trennen ist. Aber warum blieb ihnen die Anerkennung so lange verwehrt – abgesehen davon, dass der Kanon von Männern über Männer geschrieben wurde? Waren es ihre Tabubrüche, in Zeiten radikaler Reduktion mit Blumen, Glitzer und Blumen zu spielen? Sich auf Stoffe und Keramik zu beschränken, was zu nah am Vorwurf der Dekoration ist? Suchten sie nicht konsequent genug die Welt des Kunstmarkts? Sicher ist, dass erst seit der Jahrtausendwende die vielen Keramiken und Tapisserien zeitgenössischer Künstler den Markt auch für diese Pionieren öffneten. Aber solange Vally Wieselthier nicht gleichwertig neben Oskar Kokoschka, Anni Albers neben Sol Lewitt präsentiert werden, ist der Weg noch nicht abgeschlossen.
veröffentlicht in: Die Presse, 29.4.2026