17. Architektur Biennale Venedig: Alles Kunst?

04. Jun. 2021 in Biennalen

Giuseppe Penone, The Listener, Installationsansicht 17th Architektur Biennale 2021. Foto: Sebastiano Pellion di Persano, Courtesy Vuslat Foundation und Giuseppe Penone

Giuseppe Penone, The Listener, Installationsansicht 17. Architektur Biennale Venedig 2021. Foto: Sebastiano Pellion di Persano, Courtesy Vuslat Foundation und Giuseppe Penone

1 Statt Gondeln fahren Bauschiffe durch die Kanäle von Venedig. Die Vaporetti genannten Wasserbusse sind nahezu leer und einige der prominenten Fünfsternehotels rund um den Markusplatz bleiben verriegelt – die Lagunenstadt verharrt im Mai noch immer im Stillstand. Und dies sogar zu den Eröffnungstagen der 17. Architektur Biennale, an der immerhin 63 Länderpavillons teilnehmen, dazu rund 110 Architekten-Teams an der zentralen Ausstellung! Ursprünglich für das Frühjahr 2020 geplant, beginnt die 17. Architektur Biennale jetzt ganz still. Bis vor wenigen Wochen war nicht einmal das sicher, aber die Verantwortlichen in Venedig bestanden darauf. Trotzdem entschieden einige Länder, ihre Häuser nicht aufzusperren. So verspricht der Kanadische Pavillon ikonische Stadtlandschaften, wenn man sich vom QR-Code zu Instagram leiten lässt. Auch Australien kündigt auf dem geschlossenen Tor einen QR-Code als Link ins Internet an. Tschechien ist wortlos versperrt. Die Schweiz hat jede Art von offizieller Eröffnung in den September verschoben, Österreich eröffnet, aber ohne Staatsvertreter. Karten für geladene Gäste sind rar und die Zahl der Presseleute ist drastisch reduziert. Das hat den herrlichen Effekt, dass die Giardini während der drei Eröffnungstage entspannt zu durchwandern sind – und übrigens auch die Hotels ihre Zimmerpreise während dieser Tage erstmals nicht verdoppeln, sondern mit Sonderrabatten locken. Die Schattenseite davon ist die Pflicht zur Maske im Außenraum und zu limitierten Besuchern in den Räumen – worüber in jedem Pavillon ein eigener Covid-Beauftragter wacht.

Superflux (Anab Jain, Jon Ardern; Sebastian Tiew), Refuge for Resurgence, Holztisch, mixed media, Keramikteller. Installationsansicht 17. Architektur Biennale Venedig 2021, Foto Marco Zorzanello

Superflux (Anab Jain, Jon Ardern; Sebastian Tiew), Refuge for Resurgence, Holztisch, mixed media, Keramikteller. Installationsansicht 17. Architektur Biennale Venedig 2021, Foto Marco Zorzanello

In dieser seltsamen Situation erhält die zentrale Frage, die Kurator und Architekturtheoretiker Hashim Sarkis für die Biennale schon vor drei Jahren ausgab, eine ganz neue Bedeutung: „Wie wollen wir in der Zukunft zusammenleben?“ Zunächst auf Klimawandel und Migration hin formuliert, kommen jetzt ganz andere Themen dazu: Wieviel Bürobauten brauchen die Städte angesichts von Homeoffice noch? Wie können Parkflächen ausgebaut werden? Und wie kann der Wahnsinn der Anlegerwohnungen gestoppt werden, die nicht dem Wohnen, sondern nur dem Investment dienen? Solche gesellschaftlichen Fragen wolle er mit „Zusatzangeboten“ einbauen, hatte er bei einer digitalen Vorab-Pressekonferenz erklärt, mit Filmen, Symposien und sogar einer „Ausweitung in Richtung Tanz“. Sind Präsenzveranstaltungen in dieser Pandemie-geprägten Situation überhaupt möglich?

Korea - Future School, Kurator: Hae-Won Shin. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia

Korea – Future School, Kurator: Hae-Won Shin. Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia

Deutschland - 2038 THE NEW SERENITY, Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia

Deutschland – 2038 THE NEW SERENITY, Foto: Francesco Galli, Courtesy: La Biennale di Venezia

Österreich - PLATFORM AUSTRIA, Biennale Architettura 2021, Foto: © AFP | Andrea Ferro Photography

Österreich – PLATFORM AUSTRIA, Biennale Architettura 2021, Foto: © AFP | Andrea Ferro Photography

Viele Länderpavillons hatten ähnliches geplant, im Koreanischen Pavillon sollte in der „Future School“ gekocht und diskutiert werden – jetzt ist dort alles nur eine skurrile Kulisse. Der Deutsche Pavillon ist da weitaus radikaler: die Räume sind komplett leer. Das „Team 2038“ – eine Gruppe von Architekten, Künstlern und Wissenschaftlern – wollte einen fiktiven Rückblick auf die Zukunft, aus dem Jahr 2038, präsentieren. Der ist jetzt nur digital möglich: Über einen Link auf der Internetseite 2038.xyz kann man sich einen Avatar schaffen, virtuell durch die Räume wandern, Filme schauen und sogar mit den anderen Avataren plaudern. Ohne Smartphone ist man auf dieser Biennale allerdings verloren! Dazu passt perfekt der Österreichische Pavillon unter dem Schlagwort „Plattform-Urbanismus“. Auch hier waren Diskussionen vor Ort geplant. Jetzt können wir Videos und Foto-Text-Collagen studieren – was nur bedingt funktioniert angesichts des sperrigen Themas: Plattformen seien „Vermittler, die verschiedene Parteien zusammenbringen“, erklärten die Kuratoren Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck zur Pressekonferenz. Zu diesen Plattformen gehören Online-Shops, Gig-Works, Dating-Apps, die unsere Stadt nun prägen würden. Zugang erhalten wir nur, wenn wir unsere Daten preisgeben. Durch solche Angebotspakete würden wir die Kontrolle über unser Leben abgeben, ist ihre These. Aber was hat das mit gebauter Architektur zu tun? Die Antwort findet man sicher in dem umfangreichen Ö-Katalog.

Azra Aksamija mit Lilian Kology, Kailin Jones, MIT Future Heritage Lab, Adriano Berengo, Silke Road Works, Installationsansicht 17. Architektur Biennale Venedig 2021, Foto Marco Zorzanello

Azra Aksamija mit Lilian Kology, Kailin Jones, MIT Future Heritage Lab, Adriano Berengo, Silke Road Works, Installationsansicht 17. Architektur Biennale Venedig 2021, Foto Marco Zorzanello

Während in den Länderpavillons die architektonischen Visionen einhellig von partizipativem Bauen und Gemeinschaftsprojekten träumen, nimmt uns die zentrale Ausstellung vor allem im Arsenale auf eine sinnliche Tour mittels klarer Fragen mit: Wie kann Architektur helfen, mit anderen Lebewesen zu leben? Wie verändern neue Materialien das Bauen? Kann Architektur dazu dienen, dass die Menschen ihre Beziehung zur Natur wiederfinden? Überraschend skulptural mit Körpern als Türen beginnend, führt die Ausstellung über große Installationen langsam zu architektonischen Modellen. Da schlägt der türkische Künstler Refik Anadol eine monströse, entropische 3-D-gedruckte Architektur aus Leberzellen vor und Superflux präsentieren ihr Banquet „nach dem Ende der Welt“ mit Besteck aus gefundenen organischen und Müll-Materialien. Es folgen Vorschläge für Flüchtlingslager, ´allein und doch gemeinsames´ Wohnen bis zum Krankenhaus der Zukunft. Hier können auch Laien den Themen hervorragend folgen. Zwar werden die Fragen nicht final beantwortet, aber eins ist unübersehbar: Architektur ist nicht mehr nur eine Frage von Raumbesetzung, sondern ein viele Lebensformen dialogisch einbeziehender Prozess. Oder wie es die Skulptur des italienische Künstlers Guiseppe Penone „The Listener“ im Wasser vor den Schiffsgaragen im Arsenale so eindrücklich versinnbildlicht: der Baum umklammert mit seinen Ästen einen Stein – ein Bild für das Vereinen von Unvorstellbarem.
17. Architektur Biennale Venedig, 22.5.-21.11.2021
veröffentlicht in: Die Presse, 21.5.2021

17. Architektur Biennale Venedig 2021

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